Hallo zusammen,
eine Frage, die mir in den letzten Wochen nicht aus dem Kopf geht, seit wir hier im Forum so intensiv über Realrenditen sprechen:
Ich arbeite jetzt über 25 Jahre in der Finanzbranche und habe natürlich schon viele Zyklen erlebt – Niedrigzinsphase, Anleihen-Crash, ETF-Boom. Aber mit dem neuen Depot ab 2027 merke ich, dass ich meine eigenen Erwartungen neu kalibrieren muss.
Die zentrale Frage: Wenn ich im Depot beispielsweise 4-5% brutto erwirtschafte (mit gemischtem Portfolio aus Garantie und ETFs), aber die Inflation mittelfristig bei 2-2,5% liegen könnte – liegt mein realer Zuwachs dann wirklich nur bei 2%, maximal 3%? Das würde ja bedeuten, dass der Mehraufwand gegenüber Tagesgeld mit 3% brutto minimal ist, wenn die Inflation hoch bleibt.
Wie macht ihr das konkret? Rechnet ihr bei euren Prognosen mit einer Mindestverzinsung, oder orientiert ihr euch an historischen Durchschnitten? Und vor allem: Bei welcher Inflationsquote wird ein reiner Sparbuch-Ansatz für euch wieder interessant?
Freue mich auf eure Erfahrungen!
Als Selbstständiger rechne ich da ehrlich sehr pragmatisch: Jeder Euro, den ich heute in Vorsorge packe, muss mir morgen mindestens kaufkraftäquivalent zurückkommen. Die Quote wird kritisch, wenn nominale Rendite < Inflation + Kosten. Bei deinen 4-5% brutto minus 0,6% Kosten minus 2,5% Inflation bleibt nicht viel. Insofern: Migration von Riester oder Neuaufbau 2027 hängt stark vom konkreten Angebot ab – da will ich die Effektivkosten genau sehen.
Meine Gedanke: Vielleicht nicht entweder-oder, sondern gestaffelt? Also kritischen Notgroschen auf Tagesgeld, Rest Depot-orientiert?
Guter Punkt. Ich rechne da lieber rückwärts: Welche reale Rendite brauche ich zum Leben im Alter? Dann multipliziere ich mit der erwarteten Inflation und sehe, was brutto raus muss. In meinen bisherigen ETF-Sparplänen sehe ich über 10-15 Jahre Durchschnitte von 6-7% – das würde auch bei 2,5% Inflation noch 3,5-4,5% real sein. Damit kann ich leben. Tagesgeld bei 3% brutto ist für mich persönlich Parkposition, nicht Langfrist-Strategie.
Markus, schöne Frage. Ich beschäftige mich gerade intensiv damit, wie ich die Grundzulage meiner Frau optimal einsetze – da spielt genau dieser Punkt eine Rolle. Nach meinen Recherchen zu TTWROR und IZF sehe ich: Die reale Quote ist eben nicht einfach Brutto minus Inflation. Die Kostenstruktur im Depot frisst auch noch was weg. Wenn AltZertG-konforme Produkte 0,5-0,8% kosten und die Inflation 2,5% ist, brauchst du mindestens 5,5% brutto, um wirklich 2,5% real zu haben. Das ist für klassische Versicherungsprodukte oft unrealistisch.
Hier würde ich ungarniert sagen: Die Frage ist falsch gestellt, weil sie Tagesgeld und Depot-Rendite isoliert betrachtet. Relevant ist die Gesamtkostenquote. Wenn Anbieter bei der Zertifizierung nach AltZertG 0,8% Gebühren verstecken und dir dann 5% brutto versprechen, hast du real vielleicht 1,7% nach Inflation. Das ist eine Maßeinheit schlechter als Tagesgeld. Ohne konkrete Kostenoffenlegung und mit aktuellen Inflationsprognosen ist diese Debatte leider immer noch zu abstrakt.