Hallo zusammen,
ich beschäftige mich schon eine Weile intensiver mit Faktor-Investing und überlege, ob ich im neuen Altersvorsorgedepot ab 2027 nicht einfach nur einen breiten Welt-ETF nehme, sondern gezielt mehrere Faktoren kombiniere. Konkret geht es mir um Value, Momentum und Growth als eigenständige ETF-Positionen.
Meine Überlegung: Historisch laufen diese Faktoren nicht perfekt korreliert. Value und Momentum zum Beispiel haben oft gegenläufige Phasen, was theoretisch die Volatilität im Gesamtportfolio dämpfen könnte. Gleichzeitig ist mir klar, dass Faktor-Prämien sich über sehr lange Zeiträume messen lassen und es immer wieder lange Durststrecken gibt.
Fragen, die mich konkret beschäftigen:
- Macht es Sinn, alle drei Faktoren gleichgewichtet zu halten, oder gibt es eine sinnvollere Aufteilung?
- Wie viel Prozent des Gesamtdepots würdet ihr überhaupt in Faktor-ETFs stecken – also weg vom marktbreiten Basisinvestment?
- Gibt es Erfahrungen damit, wie sich Faktor-Tilts bei einem sehr langen Anlagehorizont (30+ Jahre) verhalten?
- Welche konkreten Produkte habt ihr im Blick, die wahrscheinlich die Zulassungskriterien für das Depot erfüllen?
Bin gespannt auf Einschätzungen von Leuten, die sich damit wirklich auseinandergesetzt haben. Fachliteratur kenne ich, interessiert mich hier mehr die praktische Erfahrung und Meinungen.
Danke schon mal,
Walter
Walter, ich beschäftige mich auch mit Faktor-Investing, vor allem seit der ganzen Diskussion um die Produktzulassung im neuen Depot (hab da drüben im MiFID II Thread einiges dazu geschrieben). Das Kernproblem wird meines Erachtens sein: nicht alle Faktor-ETFs werden automatisch zugelassen sein, besonders wenn sie bestimmte Komplexitätsschwellen überschreiten.
Zur Gewichtungsfrage: Gleichgewichtung der drei Faktoren klingt intuitiv sauber, ist aber nicht zwingend optimal. In der Literatur (z.B. AQR-Arbeiten) schneidet eine Momentum-Übergewichtung historisch gut ab, Value hat dagegen seit 2010 erhebliche Underperformance gehabt. Growth als 'Faktor' ist ohnehin umstritten – viele sehen das eher als Wette auf teure Aktien, nicht als klassische Risikoprämie.
Mein Ansatz wäre: Basisportfolio 70% marktbreit, dann maximal 30% Faktor-Tilt, davon Momentum stärker als Value, Growth würde ich weglassen oder sehr gering halten. Aber das ist natürlich meine persönliche Einschätzung, keine Empfehlung.
Ich muss Klaus da ein bisschen widersprechen was Growth angeht. Als 'keine klassische Risikoprämie' ist das vielleicht zu pauschal. MSCI World Growth hat in bestimmten Regimes sehr gut performt, und wenn man es als Ergänzung zu Value sieht (also bewusste Stilrotation abfedern), macht eine kleine Position durchaus Sinn. Natürlich ist das dann eher aktives Eingreifen als passives Investieren, das sollte Walter sich bewusst sein.
Zur Praxisfrage welche Produkte: iShares Edge MSCI World Value Factor und Momentum Factor sind die gängigsten, TER jeweils um die 0,3%. Ob die konkret zugelassen werden weiß ich nicht, aber die Struktur (UCITS, physisch replizierend, KIID vorhanden) sollte passen.
Bei 30+ Jahren Horizont: Faktor-Prämien brauchen wirklich lange Zeiträume. Wer das nicht durchhält und nach 7 schlechten Jahren umschichtet, hat nichts gewonnen.
Ich lese hier viel über historische Daten und Theorie, was ja alles seinen Wert hat. Aber kurzer Einwand aus anderer Richtung: Das Altersvorsorgedepot ist ein sehr langfristiges Instrument, das auch 2027 erstmal anlaufen muss. Niemand weiß genau welche Produktpalette die Anbieter zum Start konkret listen werden. Faktor-ETFs könnten anfangs schlicht nicht verfügbar sein oder die Auswahl sehr dünn.
Ich würde das Depot erstmal mit einem soliden Basisinvestment starten und die Faktor-Ergänzung dann nachrüsten wenn man sieht was wirklich verfügbar ist und wie sich die Plattformen entwickeln. Das ist keine intellektuell spannende Antwort, aber pragmatisch wahrscheinlich sinnvoller als jetzt alles perfekt zu planen für ein Produkt das noch nicht existiert.
Hey Walter, interessantes Thema! Ich bin ehrlich gesagt noch nicht ganz auf dem Level – für mich als Berufseinsteiger ist erstmal ein simpler All-World der Plan. Aber ich les hier gerne mit weil mich das für später interessiert. Eine Frage hab ich aber: wenn du sagst Value und Momentum laufen gegenläufig – wie lang können solche Durststrecken bei einem einzelnen Faktor sein? Bei 30 Jahren Horizont klingt das verkraftbar, aber trotzdem würd mich das nervös machen wenn ein Faktor-ETF 5 Jahre lang hinterherhinkt.