Hallo zusammen,
ich beschäftige mich gerade intensiv damit, wie ich mein zukünftiges Altersvorsorgedepot ab 2027 strukturieren will. Dabei stehe ich vor einer Frage, bei der ich einfach keinen klaren Kopf bekomme: Wie bewertet man eigentlich die Risiken der verschiedenen Anlageklassen, die im Depot zulässig sein werden, sinnvoll miteinander?
Mir ist schon klar, dass ein MSCI-World-ETF eine andere Volatilität hat als Unternehmensanleihen oder Staatsanleihen. Aber wie gewichtet man das in der Praxis für ein Altersvorsorgekonto mit z.B. 25-30 Jahren Laufzeit? Ich meine konkret:
- Aktien-ETFs: hohes Kursschwankungsrisiko, aber historisch beste Rendite langfristig
- Anleihen: scheinbar sicherer, aber Zinsrisiko und Inflationsrisiko unterschätzt?
- Geldmarktnahe Instrumente / Tagesgeld-ähnliches: kaum Rendite, aber Kapitalerhalt
- Ggf. Rohstoffe, REITs etc. (falls im Depot erlaubt)
Mich interessiert vor allem: Gibt es eine sinnvolle Methode oder ein Framework, mit dem man diese Risikoklassen für ein Altersvorsorgedepot systematisch gegenüberstellen kann, ohne einfach nur auf die Volatilität zu schauen? Denn die alleine sagt ja über 30 Jahre nicht viel.
Bin gespannt auf eure Einschätzungen – sitze übrigens gerade im Biergarten und plane das mal in Ruhe durch, bevor der Urlaub im Juli anfängt und ich wieder keine Zeit dafür habe.
Gruß, Depot-Pro28
Gute Frage. Das Thema beschäftigt mich auch – ich hab das schon in anderen Threads angesprochen, z.B. beim Thema Mindestbeitrag vs. Maximalbeitrag, weil die Beitragshöhe ja direkt damit zusammenhängt, wie viel Risiko man eingehen will und kann.
Zur eigentlichen Frage: Volatilität ist tatsächlich ein schlechter alleinstehender Risikoindikator für lange Laufzeiten. Was aus meiner Sicht besser hilft:
1. **Sequenzrisiko** – also das Risiko, dass starke Verluste genau dann eintreten, wenn du anfängst zu entsparen. Das trifft Aktien-ETFs deutlich härter als Anleihen, auch wenn die langfristige Rendite besser ist.
2. **Realrendite statt Nominalrendite** – Anleihen klingen sicherer, aber nach Inflation und Steuer sieht das oft mager aus. Das Zinsrisiko bei langen Laufzeiten wird tatsächlich gerne unterschätzt.
3. **Korrelation zwischen den Klassen** – sprich, wie verhalten sich die Positionen zueinander in einem Crash? 2022 haben Aktien UND Anleihen gleichzeitig verloren, das war für viele ein Weckruf.
Für ein 25-30-Jahres-Depot würde ich persönlich die Aktienquote nicht zu stark drücken wegen kurzfristiger Volatilitätsangst. Aber ne klare Empfehlung kann ich dir nicht geben – das hängt sehr von deiner eigenen Risikotragfähigkeit ab, also auch davon, ob du im Abschwung ruhig schlafen kannst oder nicht.
Kurz von mir: Schau dir den sogenannten "maximalen Drawdown" als Kennzahl an, nicht nur die Volatilität. Der zeigt dir wie tief eine Anlageklasse in einer Krise wirklich gefallen ist – das ist psychologisch und rechnerisch relevanter für Langfristanleger. Für den Rest gilt: Diversifikation bleibt das einzige kostenlose Mittagessen, aber die Korrelationen stimmen halt leider nicht immer, wie 2022 gezeigt hat.
Ich bin da etwas skeptischer als Marc oben. Das klingt alles vernünftig, aber ich frag mich manchmal ob wir uns zu sehr an historischen Renditen orientieren. Die letzten 30 Jahre Aktienmarkt waren ungewöhnlich gut – muss nicht so bleiben.
Außerdem: Das Altersvorsorgedepot 2027 ist noch nicht live, die genauen zugelassenen Produkte stehen ja teilweise noch nicht endgültig fest soweit ich weiß. Bevor ich anfange, detaillierte Risikomodelle zu basteln, würde ich erstmal abwarten was tatsächlich im Rahmen des Depots investierbar ist. Hab das schon an anderer Stelle geschrieben – die politische Lage sorgt für Unsicherheit, was das Regelwerk betrifft.
Grundsätzlich ist dein Ansatz mit den mehreren Dimensionen (Volatilität, Zinsrisiko, Inflationsrisiko, Korrelation) richtig. Aber ich würd das nicht überkomplizieren. Für die meisten Leute ist ein breit gestreuter Aktien-ETF-Kern über 30 Jahre die pragmatischste Lösung, auch wenn das nicht glamourös klingt.